„Meine Trauer wird dich finden“

Meine Trauer wird dich finden…

Ist am Ende alles gut?

Nun sind zwei Jahre vergangen, seit mein Sohn tot ist. Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, dass es mir besser geht. Aber was heißt schon „besser“? Habe ich mich an seine Abwesenheit gewöhnt? Kann ich damit leben? An solchen „besseren“ Tagen kann ich mich bei der Arbeit vergessen, kann auch wieder die kleinen Dinge des Lebens genießen. Ich erlebe also durchaus einen Fortschritt in meinem Trauerprozess.

Aber dann gibt es Momente und Tage, da ist überhaupt nichts besser. Da steigt meine tiefste Trauer auf, da falle ich wie zu Beginn in tiefste Löcher. Dann habe ich den Eindruck, es wird gar nichts besser, weil der Verlust meines Sohnes durch nichts, aber auch gar nichts zu ersetzen ist.

Und dann gibt es Momente und Zeiten, da will ich nicht, dass es mir besser geht, da will ich an der Trauer festhalten. In ihr erlebe ich mich meinem Sohn besonders nahe.“ (Roland Kachler, „Meine Trauer wird dich finden“, S. 23)

 

Roland Kachler hat selber seinen Sohn bei einem Verkehrsunfall verloren. Er ist Psychotherapeut und beschreibt in seinem Buch, wie die normale Therapie mit solchen Verlusten umgeht und wie er damit umgeht. Es hilft mir ungemein, seine Worte zu lesen, weil ich immer wieder denke: „ja, so gehts mir auch“. Er hat in Worte gefasst, was viele von uns nur denken. Ich möchte Euch sein Buch „Meine Trauer wird dich finden“ an dieser Stelle vorstellen, weil ich denke, dass es dem einen oder anderen vielleicht auch helfen wird. Mir hilft es sehr, zu wissen, dass man mit dem Verhalten und den Gedanken, die man nach einem so schweren Verlust hat, nicht allein ist, dass es vielen Menschen so geht….

 

„Wo soll ich dich suchen?

Mein Sohn ist tot, er ist nicht mehr da. Unendlich weit entfernt ist er. Da gibt es nichts zu leugnen. Es gibt keine härtere Realität als dieses „Nicht mehr da!“. Das braucht mir niemand zu sagen. Meine Hände sind leer, meine Arme greifen ins Leere. Was heißt da loslassen? Er wurde mir weggerissen, weggenommen, entfernt von mir. Und zugleich will ich nur eines: Ich will ihn wieder sehen, ich will ihn haben. Da bin ich wie ein kleines verzweifeltes Kind. Wo finde ich meinen Sohn wieder? Es muss doch einen Ort geben, an dem ich ihn finde, an dem ich ihm begegnen kann. Es muss ihn doch irgendwo geben. Wo ist er hineggangen?“ (Roland Kachler, „Meine Trauer wird dich finden“, S. 40)

 

ROLAND KACHLER: „Wann endlich träume ich von dir? Ich sehne mich danach, dir in meinen Träumen zu begegnen. Ich schwanke zwischen Enttäuschung und Ungeduld. Ich weiß auch von anderen, dass Träume vom Verstorbenen lange auf sich warten lassen können. Mir wäre es so wichtig. Dann würde ich wissen, dass du in der Tiefe meiner Seele weiterlebst. Dann endlich ist es soweit. Nur ein kurzes, aber ungeheuer dichtes und tröstliches Traumbild: Ich umarme meinen Sohn, ganz nahe. (…)
Das Aufwachen ist zunächst schlimm. Mein Sohn ist wieder weg. Aber ich weiß auch, dass er zutiefst in mir ist. Und der Traum sagt mir, dass ich und mein Sohn nach seinem Tod ungeheur viel lernen müssen. Wir müssen lernen, uns in neuer Weise zu begegnen, in neuer Weise zu lieben.“ (S. 136)

Danke, dass Du mich immer wieder in meinen Träumen besuchen kommst.

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: Es ist in allen.

 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

(Rainer Maria Rilke)